Rendezvous an jedem Tag

Ausgerechnet mir muss das passiern
wir haben 2026 und ich altes Trottelgesicht hab mich verliebt
ich sitz hier vor deinem dummen Instagram-Feed
und bemerk immer wieder wie hübsch du eigentlich bist
und wenn ich mal hochguck dann seh ich aus dem Fenster
und ich denk mir ich geh einfach mal raus und sag’s dir einfach
ist doch die einfachste und normalste Sache der Welt
vorher vorher rauch ich noch ’ne Zigarette
meist rauch ich dann zwei oder drei Schachteln und halt meine Klappe
nein für mich bist du nicht nur hübsch du bist mehr für mich
ich liebe dich


„Und? Wie war das so unter all den Pärchen – Valentinstag als Single?“ fragt mich eine gute Bekannte und bricht ihren Glückskeks in zwei perfekt symmetrische Hälften. Wir sitzen ein paar Tage nach dem 14. Februar im YU Garden, es ist chinesisches Neujahr, dieses Jahr ja absolut im Trend, rote Lampions, Jasmintee, ein leicht dramatisches Gefühl von Neubeginn. Die Nägel sind passend zum Anlass dunkelrot lackiert, das bringt Glück. Draußen ist es grau wie momentan irgendwie immer, drinnen tut man so, als würde jetzt alles anders werden, zweites Neujahr. Ich lächle, lehne mich zurück und überlege kurz, warum ich als Alleinunterhalter meine Laune an einem 14. Februar messen sollte. Außerdem steht das Jahr des Feuer-Pferdes bevor, da plane ich dementsprechend lieber einmal meine Outfits für einen Sommer voller Polo-Turniere, Derbies in Klein Flottbek und Pferderennen vor, statt über den nächsten Tag der Liebenden zu philosophieren. 

Außerdem ist das sowieso reinster Unsinn, denn schließlich habe ich eine Liaison – mit Hamburg! Nichts mit einem Date pro Jahr am Valentinstag am reservierten Zweiertisch und einem recht provinziellen Blumenstrauß. Wenn man Hamburg als seinen Liebhaber hat, sieht jedes Rendezvous aufregend aus. Zum Beispiel so: An einem viel zu großer Tisch im Palazzo bei Massimo, meine Girls und ich stehen nach zu viel Trüffelpasta und noch mehr Whispering Angel irgendwann auf den Stühlen, napkin-waving wie im Sommerurlaub im Bagatelle, Italo-Disco, Gläser, die schneller leer wurden, als wir „Azzuro“ mitsingen können. Später natürlich weiter ins Circle, weil diese Stadt keine halben Abende kennt. Man geht nicht „noch kurz“ auf ein Rendevouz mit Hamburg, man geht ganz oder gar nicht. Am nächsten Tag kommt die Blumenlieferung von Stefanie Kehr. Selbst wenn man offiziell ledig ist, hat man ständig ein Date, ist mit fabelhaften Dingen umgeben und in hervorragender Gesellschaft. Mit der Stadt. Mit Clowns und mit Helden. Mit irgendeiner Bar, in der man eigentlich nur auf einen Drink bleiben wollte. Oh Hamburg, ich liebe dich!

Gib mir noch ‘ne Zigarette, ich bin völlig aufgedreht!

Und ich liebe Hamburg nicht grundlos. Ich liebe nämlich die Abende im Berglund, wenn wir uns nur fix auf einen Martini treffen, Klatsch und Tratsch wie eine olympische Disziplin betreiben, eine Marlboro Gold anzünden, obwohl wir im Januar groß verkündet haben, jetzt wirklich ein für alle Mal aufzuhören. Nach dem zweiten Martini relativiert sich bekanntlich jede Lebensentscheidung und der Abend wird dann doch länger als eigentlich gedacht. Hamburg ist da sehr unterstützend und will mich nie pünktlich daheim haben. Ich liebe es auch, im Da Mario zu sitzen, den Limoncello aufs Haus mit einer selbstverständlichen Geste zugeschoben zu bekommen, als gehöre ich längst zum Inventar, und im Augenwinkel das Foto von mir und meinen Freundinnen am Pizzaofen zu sehen, als würden unsere Abende hier nie ganz enden, da wir immer dabei sind. 

Ich liebe die Morgen im Portugiesenviertel im Café Sul, Galão im Glas, Toast mit ganz viel Käse, eine Zeitung, durch die ich eher blättere als lese, während ich die Touristen mit ihrer Jack-Wolfskin-Ausrüstung beobachte, bereit den Großstadtdschungel zu bezwingen. Und dann diese ausgedehnten Abende mit all den schönen Dingen um mich herum, Vernissagen zwischen Beton und Champagner, schwarzes Seidenkleid und ein Moschusduft von Meister in Eppendorf, ein bisschen wie Caroline Bessette-Kennedy auf norddeutsch. Ich jedoch halte keine Ausschau nach einem John F. Kennedy Jr., ich halte Ausschau nach dem nächsten guten Werk, nach einem Gespräch, das nicht banal ist, nach einem Raum, der sich nach Möglichkeiten anfühlt. Wie schön, dass hier jeder weiß, was er tut – oder zumindest so tut. 

Hamburg ist vielleicht nicht die Stadt, die mir meinen Liebhaber präsentiert hat, aber dafür ist Hamburg selbst zu meinem Liebhaber geworden. Unberechenbar genug, um spannend zu bleiben. Verlässlich genug, um mir immer Vertrauen zu geben. Muss nie überredet werden, auf den Dancefloor zu gehen oder mal kultiviert zu sein. Sieht selbst im Regen und Schneematsch unfassbar sexy aus. Hier gibt es zu jeder Stimmung das passende Setting – Galão und Gin, Eskapismus und Eskalation. Man braucht in dieser Stadt kein Candle-Light-Date, wenn man eine vernünftige Reservierung, seinen Namen auf der Gästeliste und die richtigen Freunde hat. Hamburg liefert. Jede Woche ein neues Rendezvous. Und ich erscheine zuverlässig. 


Neele Suckert

Neele Suckert

Neele lebt in Hamburg, schreibt über Frauen, die sie mit scharfem Blick beobachtet, und über die Stadt, die sie ganz besonders liebt. Ihre bevorzugte Schreibumgebung: irgendwo zwischen Alsterblick und Aperitif.

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