Tanzen ist für Chiara Damare (23) mehr als Bewegung – es ist ein Ort, an dem sie ganz sie selbst sein kann. Im Alltag mit Diabetes Typ 1 findet sie dabei Freiheit, Ausdruck und einen Moment des völligen Loslassens.

„Das hier ist mein liebster Ort in der Stadt“, sagt Chiara, als wir den Saal mit den deckenhohen Spiegelfronten betreten. Mitten im Gängeviertel versteckt, liegt die Fabrique, ein Kreativ-Space, der Raum für alle möglichen Kunstformen schafft. So auch für das Tanzen. „Das Studio versuche ich so häufig wie möglich zu buchen. Sonst tanze und unterrichte ich auch nebenberuflich an meiner Tanzschule in Ottensen“.
Chiaras kurzer schwarzer Bob fällt in ihr Gesicht, über der tiefsitzenden Adidas-Hose schwingt das locker geknotete Longsleeve mit ihren fließenden Bewegungen zur Musik. Ihre Arme und Hüfte bewegen sich im Einklang, während immer wieder ein kontrollierender Blick in den großen Spiegel wandert. Die 23-Jährige tanzt, seitdem sie zwei Jahre alt ist. „Ich habe ganz klassisch im Tutu an der Ballettstange angefangen“, schmunzelt sie. Später entdeckte sie den Commercial-Tanzstil für sich, tanzte ihn in der Gruppe sogar auf Meisterschaften. „Commercial Dance vereint viele verschiedene Arten, zu tanzen. So bezeichnet man zum Beispiel die Bewegungsart in Musikvideos oder Werbespots“, erklärt sie. Beim Tanzen ist die Redakteurin die ehrlichste Version von ihr selbst – gerade im Commercial kann sie all ihre Facetten zeigen. „Ich denke, niemand ist nur die eine Art von Person. Je nach Situation treten wir alle unterschiedlich auf“. Dabei ist es egal, ob Chiara sich der Welt an einem Tag emotional oder selbstbewusst zeigen möchte: „Beim Tanzen findet alles seinen Platz. Hier kann ich Geschichten erzählen und alles loslassen“.
„Neben meinem Sport gehört auch Diabetes zu meinem Alltag“
Nicht nur durch das Tanzen muss Chiara sich täglich intensiv mit ihrem eigenen Körper auseinandersetzen: „Ich war 15, als ich die Diagnose Diabetes Typ 1 erhalten habe. Das ist ein Alter, in dem man überhaupt gar keine Lust hat, sich mit dem Thema Gesundheit zu beschäftigen.“ Im Familienurlaub auf Mallorca wird die Jugendliche erstmalig von unstillbarem Durst geplagt, fällt nach dem Essen in einen komatösen Schlaf und wird anschließend ins Krankenhaus eingeliefert. „Im Gegensatz zu Diabetes Typ 2 weiß niemand, was der genaue Ursprung der Typ-1-Erkrankung ist. Das war gerade am Anfang total frustrierend für mich“, erzählt Chiara. „Doch heute ist der Umgang mit Diabetes sehr viel leichter“, sie deutet auf ihr CGM-Gerät [Continuous Glucose Monitoring] am Oberarm. „Hiermit fällt wenigstens das ständige Bluttesten am Finger weg“.
Über die Jahre hinweg hat Chiara gelernt, wie sie die Krankheit in ihren Alltag integriert: „Ich versuche, mich so wenig wie möglich einzuschränken. Der Sport kann den Blutzucker sogar stabilisieren – viele Hochleistungssportler sind auch Diabetiker“. Vor allem in einer Großstadt wie Hamburg fällt es ihr nicht schwer, damit umzugehen. „Es gibt viele Spots, die sehr auf besondere Ernährungsweisen achten. Wie zum Beispiel das Sugarfree-Café im Kontorviertel“, verrät sie.
Und trotzdem möchte Chiara manchmal einfach loslassen. Sie möchte, dass sich ihr Körper um etwas anderes dreht als eine Krankheit. Sie möchte wieder im Einklang sein. „Diese Momente schaffe ich beim Tanzen“, sagt sie. Gedanken über ihren Blutzuckerspiegel und das Infragestellen von Nährwerten verstummen, wenn die Musik beginnt. Hier geht es nur um sie, ihre Bewegungen und die Geschichten, die sie erzählen möchte.
