Wir kennen die Schauspielerin Rhea Harder-Vennewald als Polizistin aus Notruf Hafenkante und als Gaby von TKKG. Hier erzählt sie von ihrem Weg aus Ost-Berliner Industriehallen ins Rampenlicht und davon, wie sie als Heile-Welt-Tante zwischen Kiez-Traurigkeit und Eppendorfer Bullerbü ihren Platz gefunden hat.

Ein bleischwerer Abend hängt über Ost-Berlin. In der Industrieanlage riecht es nach altem Putzwasser und feuchtem Zement. Nach der letzten Schulstunde putzt Rhea hier für ein paar Mark. „Ich weiß nicht, ob es das schmutzige Treppenhaus im Dezember war, wo mir die Finger erfroren, weil ich mit der Hand gewischt habe, oder die schmierige Männerdusche. Ich kann mich nicht erinnern, aber es gab einen Moment, wo ich dachte, es muss doch einen anderen Weg geben, um sein Geld zu verdienen“, denkt sie sich zurück.
Als sie nach Hause fährt, hört sie im Radio, dass eine Modelagentur das Gesicht 1994 sucht und denkt „Scheiß drauf, ich fahre dahin.“ Fast wie im Film In einem Land, das es nicht mehr gibt, wo die Ostberlinerin Suzie von der Fabrik in die Modellbranche katapultiert wird, hat Rhea Erfolg: Eine Persil-Werbung, vier Folgen in einer ZDF-Serie und eine Hauptrolle bei GZSZ. Jetzt spielt sie seit 20 Jahren Polizeihauptmeisterin Franzi Jung in Notruf Hafenkante. Dafür zieht sie damals nach Hamburg-Eppendorf.
Als Polizistin liebt Rhea es, Menschen zu helfen. „Weil Franzi eine Heile-Welt-Tante ist. Für sie muss am Ende des Tages alles in Ordnung sein“, gesteht sie. Rhea ist Ehrenkommissarin der Polizei Hamburg, „mit Auszeichnung, Zertifikat, Dienstausweis“. Polizistin muss sie deshalb nicht werden, auch wenn der Job sie reizt. Nur eines weiß sie: Neutral zu bleiben wäre schwer. Bei Ungerechtigkeit wäre sie ein brüllender Löwe, keine ruhige Vermittlerin.
Dann doch lieber vor der Kamera stehen, nur nicht gern auf dem Kiez. Der ist für Rhea zu unruhig, und die Geschichten, die dort gelebt werden, sind hart. Heile-Welt-Tante, da haben wir es! Eine Eigenschaft, die Rhea mit ihrer Filmfigur teilt. Tagsüber wirkt die Reeperbahn auf sie irgendwie einsam und verlassen. Abends, wenn die Lichter der Lokale angehen und Musik aus den Bars dröhnt, ist es eine komplett andere Welt. Eine Welt, mit der Rhea nicht viel anfangen kann: zu laut, zu schnell, zu viele Menschen.
„Irgendwie erinnert mich dieses behütete Gefühl in Eppendorf an meine Kindheit.“
In Eppendorf ist es anders. Wie in Wir Kinder aus Bullerbü geht hier alles seinen geregelten Gang, es gibt viel Platz und viel Grün. „Irgendwie erinnert mich dieses behütete Gefühl hier an meine Kindheit“, sagt Rhea. In Hamburg anzukommen und den Platz als Zugezogene zu finden hat sie Zeit gekostet. Und so fand sich Rhea, als das Heimweh noch groß war, oft am Eppendorfer Weg wieder. Das Ende der Straße und die U-Bahnen erinnern sie an Berlins Prenzlauer Berg. „Du musst dir deinen Platz in Hamburg wirklich erarbeiten“, findet sie.
Dass sie es geschafft hat, sieht sie daran, wie oft sie auf der Straße erkannt wird. Am Anfang triggerte sie das – eine Altlast von GZSZ, wo sie nur mit Hoodie und gesenktem Kopf rausging. Manche Menschen verlieren das Gefühl für Privatsphäre, weil sie nur ihren liebsten Seriencharakter sehen und nicht die Person, die sie spielt. Ihr Mann half ihr umzudenken: „Die freuen sich einfach, weil das was ganz Besonderes für die ist.“ Dieser Satz von ihm ist so schlicht und so klar, dass er Rhea eine Tür öffnet, durch die sie gern geht: „Ich habe das nie so gesehen“, sagt sie. „Aber diese Freude zu teilen ist ja richtig geil.“
Seit sie das verinnerlicht hat, sind die Begegnungen leichter. Auch wenn ein Teil von Rhea immer nach Osten zeigt, gehört sie in diese Stadt: „Berlin ist meine Heimat. Aber mein Zuhause ist Hamburg“, sagt sie.
