„Vor allem weibliches Trauma wird viel zu häufig übersehen“

Kim Lara Kuhla ist Trauma-Therapeutin. In ihrer eigenen Praxis in Eimsbüttel bietet sie Therapiestunden mit ganzheitlichem Fokus, Workshops und den Austausch in Gruppen an – und das alles nur für Frauen. Denn die Hamburgerin weiß aus eigener Erfahrung, wie sich weibliches Trauma äußert.

Der Raum hinter der Glastür wirkt wie ein Ort, an dem man gerne ist. Eine große Fensterfront lässt natürliches Licht hinein, viele kleine Deko-Elemente wirken liebevoll platziert und inmitten des Zimmers lädt ein großer Teppich mit Bodenkissen zum Sitzen ein – es ist wahrscheinlich nicht das, was sich die meisten Menschen unter einer therapeutischen Praxis vorstellen. „Und genau das war der Plan“, erklärt Kim als sie mich in einen weiter hinten liegenden Raum führt.  Hier steht ein kleiner Holz-Schreibtisch, gegenüber ein weißes Sofa und ein Sessel im Skandi-Stil. „Heute sitze ich wohl auf dem heißen Stuhl“, lacht die 27-Jährige etwas nervös, als sie sich darin fallen lässt.

Gebürtig kommt Kim aus einem kleinen Dorf in Thüringen. Im Rahmen einer Klassenfahrt kommt sie mit 16 Jahren zum ersten Mal nach Hamburg. „Ich habe mich sofort in die Stadt verliebt“, schwärmt sie. „Vor allem in den Hafen, die Größe, die Weite – damals schienen die Möglichkeiten für mich endlos“. Vor drei Jahren wagten sie und ihre Familie dann den Umzug in den Norden. Beruflich kommt Kim aus dem Sozialen: „Ich habe schon immer gerne mit Menschen aller Art zusammengearbeitet“. Im Oktober 2025 folgte dann die Selbstständigkeit mit eigener Praxis in Eimsbüttel. „Ich habe mich dazu entschieden, diesen Space ausschließlich für Frauen zu öffnen“. Dass die weltweite Gesundheitsversorgung Männer priorisiert, ist kein Geheimnis. Fehlende Forschung und falsche Einordnung von Symptomen: „Ich denke, fast jede Frau hat sich im gesundheitlichen Kontext schonmal belächelt gefühlt – genau dagegen möchte ich angehen“, sagt Kim. Die genauen Folgen weiblichen Traumas konnte sie schon als Teenager hautnah erleben.

Kims Hände sind fest ineinander gefaltet, in ihren Augen stehen Tränen: „Meine Mutter war jahrelang in einer toxischen Beziehung voller emotionaler Gewalt und Manipulation. An den Folgen davon ist sie gestorben. Und davor habe ich gesehen, wie sie sich selbst immer weiter verloren hat“. Sie schluckt. „Die Todesursache war ein Herzinfarkt“. Doch Kims Mutter hatte Symptome. Symptome, die vom Arzt übersehen wurden. Symptome, über die ihr Partner lachte. „Studien zeigen, dass Menschen, die unter Trauma leiden, ein erhöhtes Herzkreislaufrisiko haben“, weiß Kim heute. Doch damals versuchte sie vergeblich, ihre Mama aus der emotionalen Abhängigkeit zu befreien. „Das Ganze hat auch meine Sichtweise aufs Leben und vor allem auf Beziehungen verkompliziert, doch zum Glück zeigt mir mein Mann jeden Tag, was es heißt, bedingungslos geliebt zu werden“, lächelt sie.

Nach ihrer Trauerphase möchte Kim mit ihren eigenen Erfahrungen anderen Betroffenen helfen. Es entsteht der Mental-Health-Space für Frauen, und zwar mit einem ganzheitlichen therapeutischen Ansatz. Es soll ein positiver Raum sein, in dem jedes Wort gehört und jede Frau gesehen wird. Die Praxis soll genau die Sichtbarkeit darstellen, die Kim sich auch für ihre Mutter gewünscht hätte. Und sie ist sich sicher: „Genau das hier hätte sie gebraucht“.

Matilda Kastien

Matilda Kastien

Obwohl Matilda gebürtig aus Hamburg kommt, wusste sie die Stadt nicht immer zu schätzen. Bei „Women of Hamburg“ kann sie ihre Leidenschaft fürs Schreiben mit ihrem Interesse an starken Frauen, emotionalen Geschichten und ihrem Sinn für Ästhetik kombinieren.

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