„Viele denken immer noch, glutenfreie Ernährung sei nur ein Fitnesstrend“

Als Kalina Grunert vor 10 Jahren erfährt, dass sie Zöliakie hat, verändert sich ihr Leben schlagartig. Hamburg ist trotzdem ein Food-Paradies für sie – auch wenn sie beim Feiern manchmal eben einen Apfel snacken muss.


Spontan in der Schanze essen gehen, schnell ein Franzbrötchen beim Bäcker holen oder nach dem Feiern auf dem Kiez einen Döner bestellen – für die meisten Hamburgerinnen selbstverständlich, für Kalina jedoch unmöglich. Denn sie hat Zöliakie. Eine chronische Autoimmunerkrankung, bei der selbst kleinste Mengen Gluten dem Körper schaden können und im schlimmsten Fall zu Darmkrebs führen kann. Deshalb muss sie konsequent auf eine glutenfreie Ernährung achten.

Schon als Kind hatte sie immer wieder Bauchschmerzen, musste sich häufig übergeben, war sehr dünn. „Die meisten Ärzte haben einfach irgendeine Unverträglichkeit vermutet oder es auf die Psyche geschoben“, erinnert sich die 26-Jährige zurück. Erst nach Jahren voller Untersuchungen äußert eine Ärztin schließlich den Verdacht auf Zöliakie. „Das erste Gefühl nach der Diagnose war tatsächlich Erleichterung“, erzählt Kalina. Endlich weiß sie, was hinter ihren Beschwerden steckt – und was sie dagegen tun kann.

Trotzdem ist die Diagnose für die damals 16-Jährige nicht leicht. Brot, Nudeln, Müsli sind nur einige der Lebensmittel, die plötzlich tabu sind. Auch Pizza, Kuchen, Bier und viele Fertiggerichte enthalten Gluten. „Gerade in dem Alter will man nicht die Merkwürdige sein, die immer eine Extrawurst braucht“, sagt sie. Geburtstage, Partys, gemeinsames Kochen und Restaurantbesuche lösen von nun an erstmal Panik statt Vorfreude aus. Anfangs zieht sie sich deswegen sogar etwas zurück – auch wenn ihre Familie und ihre Freundinnen sie bestmöglich in ihrem neuen Alltag unterstützen. Doch irgendwann wird ihr klar: Die Krankheit wird nicht verschwinden. Also muss sie lernen, mit ihr zu leben.

Von der Diagnose zur Aufklärungsmission

„Es hat Jahre gedauert, bis ich die Zöliakie wirklich akzeptiert habe“, gibt Kalina zu. Doch inzwischen weiß sie: Mit der Zeit wird vieles leichter. Außerdem habe ihr die Krankheit extrem bei ihrer persönlichen Entwicklung geholfen: Denn im Gegensatz zu heute, sei sie früher eher schüchtern gewesen. „Durch die Krankheit musste ich lernen, für mich einzustehen. Ich bin dadurch so stark über mich hinausgewachsen!“ Wenn der bestellte Salat im Restaurant doch nicht glutenfrei ist, etwa weil Croûtons mit drauf sind, gibt sie ihn heute meistens ohne zu Zögern zurück.

„Viele denken, glutenfreie Ernährung sei einfach ein Fitnesstrend“, sagt sie. Genau das mache den Alltag für Menschen mit Zöliakie oft schwieriger. „Selbst ein paar Krümel oder Mehlstaub machen sich nämlich bemerkbar“, erklärt Kalina. Das kann zum Beispiel passieren, wenn Pasta im selben Wasser gekocht wird, Pommes in derselben Fritteuse landen wie panierte Schnitzel oder beim Backen noch Mehlstaub in der Luft ist. Oft wird ihr einige Stunden später übel, dazu kommen Verdauungsprobleme und ein starker Blähbauch.

Oft bringt sie sich daher auch einfach ihr eigenes Essen mit ins Restaurant – zum Beispiel glutenfreies Brot. „Selbst im Club habe ich schon mal einen Apfel gegessen“, Kalina lacht, während sie davon berichtet. „Manchmal geht’s eben nicht anders. Ich kann mir zwischendurch nämlich keinen Döner holen meine Freunde.“ Für den Notfall habe sie daher immer einen Snack wie Obst oder glutenfreie Protein-Riegel dabei.

Besonders herausfordernd wird es jedoch auf Reisen. Kalina recherchiert vorher ganz genau, in welchen Ländern es sich unkompliziert glutenfrei essen lässt. Überraschend: Italien gehört für sie zu den besten Ländern für Menschen mit Zöliakie. „Dort gibt es unglaublich viele glutenfreie Angebote.“ Trotzdem hat sie manchmal das Gefühl, durch ihre Erkrankung nicht die gesamte „kulinarische Experience“ mitzunehmen. „Viele Menschen sind im Ausland unglaublich gastfreundlich. Und dann geben sie zum Beispiel doch Sojasauce aufs Essen, weil sie denken, ohne schmeckt es nicht.“ Für sie bedeutet das dann oft: freundlich ablehnen, mehrmals nachfragen und gleichzeitig detektivisch genau hinschauen.

In Hamburg gibt es inzwischen aber viele glutenfreie Restaurants und Cafés. Ihre liebsten Spots: das Isabella am Alten Wall, das Rudolph’s in der Speicherstadt und das Quintessenz am Rödingsmarkt. Food-Spots wie diese, Einblicke in ihren Alltag und Infos zu Zöliakie teilt Kalina seit einigen Jahren auch auf ihrem Instagram-Account @glutenfreieralltag, dem inzwischen rund 55.000 Menschen folgen. Ihr Ziel: mehr Bewusstsein für die Krankheit schaffen – und anderen Betroffenen Mut machen. Denn auch wenn die Diagnose ihr Leben stark verändert hat, möchte sie zeigen: Ein erfülltes und genussvolles Leben ist auch mit Zöliakie möglich.

Johanna Kuntoff

Johanna Kuntoff

Als Redakteurin liebt Johanna authentische Geschichten – ob aus der Nachbarschaft oder von der anderen Seite der Welt. Wenn sie nicht gerade schreibt, backt sie ganz gutes Bananenbrot, ist irgendwo mit einem spannenden Buch unterwegs, schlürft einen Iced Coffee bei einem Spaziergang an der Alster oder plant den nächsten Trip in die Sonne.

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