„Ich möchte Nachhaltigkeit und Zeitlosigkeit bewahren und nicht das, was gerade in ist“

Seit 25 Jahren führt Wajia das Café Palang im Chilehaus. Hier gibt es keinen Matcha und andere Trends, dafür zeitlose Klassiker. Im Portrait erzählt sie von ihrer Geschichte, ihrer Familie und warum Nachhaltigkeit für sie bedeutet, Dinge nicht ständig neu zu erfinden.


Die Kuchenvitrine ist gefüllt mit Muffins, Gebäck, belegten Broten, Kartoffeltaschen und Nudelsalat. Über der Theke hängen handgeschriebene Tafeln mit der Karte. Darunter stehen Flaschen mit Sirup und ordentlich aufgereihte Gläser. Warmes Licht fällt in den kleinen Raum, die dunklen Holzmöbel stehen hier schon seit 25 Jahren. Wer das Café Palang Good Coffee betritt, merkt schnell: Das hier ist ein Wohlfühlort. Wajia steht hinter dem Tresen und lächelt. Ihre dunklen Haare sind zu einem lockeren Zopf gebunden, sie trägt meist Schwarz. Hinter der braunen Brille schauen ihre freundlichen braunen Augen hervor. Sie fragt ihre Gäste immer, wie es ihnen geht, erinnert sich an Namen und an das, was sie gerne bestellen. Wer bei ihr einen Kaffee kauft, fühlt sich gesehen.  

„Ich mag nichts, was mit der Zeit abläuft. Ich mag zeitlose Sachen“, sagt die 50-Jährige. Deshalb gibt es hier keinen Matcha und andere Foodtrends, stattdessen zeitlose Klassiker. „Ein Blueberry Muffin bleibt ein Blueberry Muffin. Das hast du vor 20 Jahren bekommen, das kriegst du auch in den nächsten 20 Jahren. Ich möchte Nachhaltigkeit und Zeitlosigkeit bewahren und nicht das, was jetzt gerade in ist, weil das kann morgen aus sein“, fügt sie hinzu. Selbst die Möbel, das Logo und sogar die Fensteraufschrift haben sich seit der Eröffnung vor 25 Jahren nicht verändert. Alles sieht noch so aus wie damals und wirkt trotzdem wie neu. Die Polster wurden erneuert, die Dinge gepflegt, nicht ersetzt.  

„Mein Café ist nicht einfach ein Café. Es ist mein Wohnzimmer.“

Wajia wurde in Afghanistans Hauptstadt Kabul geboren und kam mit zwölf nach Hamburg. Das Ankommen war nicht leicht, vor allem, weil sie kein Deutsch konnte. „In dem Alter bist du neugierig, willst viel erleben, Freunde haben, draußen sein und plötzlich stehst du da und keiner nimmt dich wahr“, erinnert sie sich zurück. Aber sie erzählt davon ohne Bitterkeit, eher wie von einer Challenge, der sie sich angenommen hat: „Es hat mich nicht frustriert, es hat mir den Drang dazu gegeben, das besser zu können.“

Sie ist die Jüngste von zwölf Geschwistern und musste früh lernen sich zu zeigen. „Ich musste mich schon als kleines Kind wehren, um gesehen zu werden.“ Ihre Eltern waren für sie Vorbilder: ihr Vater, der immer mit einem Lächeln und viel Stolz die Familie versorgte. Ihre Mutter, die ihren Kindern Respekt, Liebe und Selbstständigkeit mitgab.

Nach der Schule machte Wajia eine Ausbildung als Arzthelferin beim Chirurgen. Eigentlich wollte sie Medizin studieren, doch dafür waren ihre Noten zu schlecht. Später arbeitete sie beim Orthopäden – einem HSV-Sportarzt. Gleichzeitig entstand eine neue Idee. Inspiriert von Starbucks in den USA, das es in Deutschland damals nicht gab, gründete sie 2001 Palang. „Palang ist der Tiger“, erklärt sie. „Einer meiner Lieblingstiere. Er hat was Hoheitliches, Erhabenes und ist leicht für die deutsche Zunge. Der Name muss ja etwas sein, was jeder aussprechen kann.“ Palang wuchs langsam. Zuerst hatte sie zwei Mitarbeitende, dann mehr, dann war sie eine Zeitlang alleine. Heute arbeiten hier ihre 17-jährige Tochter, ihr 19-jähriger Sohn und seine Freundin. Auch ihr Mann hilft manchmal bei den Einkäufen oder dem Organisatorischen.

„Der Laden war nicht gleich so, dass ich mich zurücklehnen kann, bis heute noch nicht. Aber ich habe Spaß dran und ich kann meine Sachen bezahlen“, sagt Wajia. Viel wichtiger sind für sie die Menschen. Viele Gäste kommen seit Jahren. Manche betreten den Raum und sagen: „Oh, wie schön, oh, wie schön.“ Daraus wurde der Slogan des Cafés. Trotzdem ist der Gast hier kein König, sondern ein Teil von Palang. „Das Café ist mein Wohnzimmer. Der Gast muss sich benehmen können. Ich möchte, dass der Mensch, der hier reinkommt, sich wohl und wie zu Hause fühlt.“ Wer bei Wajia einen Kaffee trinkt, bekommt mehr als ein Getränk. Man bekommt Zeit, immer ein Lächeln, manchmal eine Geschichte. Und genau das macht Palang zu dem, was es ist: kein Ort für Eile, sondern ein Ort zum Wohlfühlen.

Margarita Popova

Margarita Popova

Margarita liebt echte Geschichten und starke Bilder. Wenn sie nicht gerade Porträts schreibt, steht sie am liebsten vor der Kamera oder entwickelt Inhalte für Social Media – neugierig, direkt und mit Sinn fürs Detail.

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