„Ich möchte das klassische ‚Kaffee und Kuchen‘ revolutionieren!“ 

Gründerin Viviane Hecht hat in Pöseldorf das ehemalige Atelier von Jil Sander übernommen und mit Pykē Society einen Ort geschaffen, der die klassische Kaffee-und-Kuchen-Kultur infrage stellt. Zwischen zeremoniellem Kakao, Matcha und funktionalen Snacks entsteht mitten in Hamburg ein Café, das eigentlich keines sein will – sondern ein Konzept für bewusste Performance. 


Gründerin Viviane Hecht steht an der Bar von ihrem Café Pike Society

Viviane Hecht – Gründerin von Pykē Society 

Freitagnachmittag in der Milchstraße. Draußen liegt noch Schnee, doch die Sonne fällt hell durch die großen Fenster des ehemaligen Jil-Sander-Ateliers, in dem die ersten Frauen ihr Wochenende bei einem Smoothie einleiten, während andere noch konzentriert an ihren Laptops arbeiten. Der Klang von House-Musik summt leise im Society, es riecht nach Matcha. Zwischen Edelstahltresen, hell gestrichenen Wänden und weißen Rosen sitzt Viviane Hecht mit einem zeremoniellen Kakao, ein minimal verarbeiteter Rohkakao, in der Hand, Laptop zugeklappt, aber in Greifweite. Rollkragen-Top, sanft gewellte Haare, ruhige Präsenz. Unternehmerin durch und durch, aber ohne jede Härte. Performance bedeutet für sie nämlich nicht höher, schneller, weiter – sondern jeden Tag das Maximum aus sich herauszuholen, egal ob das Tempo schnell oder ruhig ist. Wichtig sind ihr dabei bewusste Pausen, für den sie hier den richtigen Raum geschaffen hat. „Man sagt ja immer, dass man sich auf einen Kaffee trifft, egal was man dann eigentlich trinkt. Meine Freundinnen und ich sagen mittlerweile, dass wir uns auf einen Kakao treffen.”, erklärt Vivi scherzhaft, nippt danach an ihrem Kakao. 

Die Idee zu Pykē Society entstand jedoch nicht aus einem ausgeklügelten Businessplan, sondern aus einer persönlichen Geschichte. Vivi wuchs zwischen Ayurveda, Wellness und Gastlichkeit auf – ihre Mutter, eine Kosmetikerin, führte ein Hotel an der Ostsee. Später arbeitete Vivi selbst in der Hotellerie, lebte schnell, stressig, viel Arbeit, viel Kaffee, Alkohol, wenig Pausen. Von da aus wechselte sie in die nicht weniger anstrengende Immobilienbranche. „Doch mein Körper stoppte mich irgendwann!“, erklärt sie ruhig. Stress, Entzündungen und gesundheitliche Krisen machten sich nach und nach bemerkbar, während sie die Karriereleiter immer weiter hochstieg. Während der Pandemie begann sie dann sich intensiv mit Ernährung, Regeneration und Performance zu beschäftigen – nicht als Trend, sondern als Überlebensstrategie. Vollwertige Ernährung wurden zu einem festen Bestandteil ihres Alltags. Was sie in Hamburg vermisste: ein Ort, der diese Art von Lebensstil ernst nimmt. „Es gab kein Café, in das ich nach dem Yoga gehen konnte, um etwas zu trinken, das mir wirklich guttut“, sagt sie. 

Pykē Society versteht sich deshalb nicht als klassisches Café. Hier gibt es keinen Flat White, keinen New-York-Cheesecake – stattdessen zeremoniellen Matcha ohne Zuckerzusätze, rituellen Rohkakao, Tees, Snacks und funktionale Lebensmittel. Chia-Pudding, Porridge, gesunde Cookies, Bananenbrot ohne Industriezucker. Im Sommer serviert sie hausgemachtes Kollagen-Eis. Alles wirkt durchdacht, reduziert und bewusst. Nicht dogmatisch, sondern funktional und einfach Viviane. Schon der Name ist persönlich: Pykē, ein von ihr selbst entwickeltes Wort, angelehnt an „pike“, die englische Übersetzung ihres Nachnamens Hecht. 

„Ich habe ihm einen Brief geschrieben – danach konnte er nicht mehr Nein sagen“ 

Der Weg in die Milchstraße war allerdings alles andere als selbstverständlich. Als sie von dem ehemaligen Jil-Sander-Atelier hörte, gab es zahlreiche Bewerberinnen und Bewerber mit besseren Zahlen, mehr Kapital und deutlich mehr Sicherheiten. Vivi hatte keine reichen Eltern, keine großen Rücklagen. Da sie damals selbst in der Immobilienbranche tätig war, wusste sie, dass es so schwer für sie wird. „Also habe ich dem Eigentümer einen Brief geschrieben“, erzählt sie und lächelt dabei stolz. Darin schrieb sie, dass auch Jil Sander einst ohne großes Geld angefangen hatte – jung, visionär, ohne Garantien, dafür aber mit einem Traum. Der Vermieter las den Brief und änderte seine Entscheidung: „Danach konnte er nicht mehr Nein sagen.“ Vom Traum bis zum fertigen Lokal dauerte es nicht lange. 2025 eröffnete Vivi dann die Pykē Society. 

Heute wirkt das ehemalige Atelier wie eine Mischung aus modernem Wohnzimmer und Wellnessoase. Edelstahl trifft auf Blumensträuße aus Rosen, Lilien und Hortensien, minimalistische Flächen auf gemütliche Sitzecken. Ihre Kunden arbeiten konzentriert, andere führen Gespräche, einige sitzen still mit einer Schale Kakao vor sich und entspannen sich bei einer Infrarot-Maske.  Sie bewegt sich ruhig durch den Raum, erklärt Zutaten, mischt Getränke, begrüßt und verabschiedet Gäste. Auch mir bereitet sie zum Abschied noch einen Anita-Hass-Protein-Smoothie zu – eine kleine Geste, die zeigt, wie sehr sich hier alles um Fürsorge und Community dreht. 

Pykē Society soll für Hamburg mehr sein als ein Café. Es ist der Versuch, eine neue Kultur zu etablieren: weniger Gewohnheit, mehr Bewusstsein. Weniger Zucker, weniger Zusätze, mehr Wissen über das, was wir konsumieren. Für Viviane ist das kein Trend, sondern eine Haltung – entstanden aus eigener Erfahrung und getragen von ihrer Vision, Bewusstsein für Körper und Geist zu schaffen. Während draußen die letzten Schneereste schmelzen und drinnen der Nachmittag langsam in den Abend übergeht, wirkt es nicht so, als hätte sie einfach ein weiteres Café eröffnet – Vivi hat einen Ort geschaffen, an dem Menschen kurz innehalten, bevor sie wieder hinausgehen und weitermachen. Einen Ort, der Hamburger dazu einlädt sich in angenehmer Atmosphäre zu gesunden Snacks zusammenzufinden. Genau das, was Vivi selbst gesucht hat. 

Neele Suckert

Neele Suckert

Neele lebt in Hamburg, schreibt über Frauen, die sie mit scharfem Blick beobachtet, und über die Stadt, die sie ganz besonders liebt. Ihre bevorzugte Schreibumgebung: irgendwo zwischen Alsterblick und Aperitif.

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