Pink Pilates Princess statt Disco Queen 

In der neuen Ausgabe von „Man wird ja wohl noch urteilen dürfen“ schreibt die „Women of Hamburg“-Kolumnistin Neele Suckert über Neujahrsvorsätze und warum Selbstoptimierung 2026 am besten zwischen Matcha Martini, Naturwein und Lymphdrainage funktioniert. 

Kolumnistin Neele Suckert an der Außenalster in Hamburg

„Ich habe mir für nächstes Jahr einen Glow-up vorgenommen!“, sage ich nach dem zweiten Glas Crémant um 16 Uhr, meine Freunde verschlucken sich fast. Sie kennen mich Nachtschwärmerin zu gut, außerdem sind sie selbst auch beim zweiten Glas angelangt. Silvester beginnt in Hamburg nie abends, es beginnt nachmittags im Klinker, mit Daydrinking, weil man ja noch einen langen Abend vor sich hat und sich dementsprechend mit genug Austern darauf vorbereiten muss. Danach macht man sich kurz frisch, zieht direkt weiter ins Pesca im neuen Westfield Center. Open Bar, noch mehr Austern und Sashimi, die ZDF-Show leise im Hintergrund. Man tanzt, schaut Oli P. und Ace of Base zu und denkt um Mitternacht für exakt drei Minuten, dass 2026 ein völlig anderes Kapitel wird. Frischer. Klarer. Gesünder. Danach bestell man sich den nächsten Drink. 

Doch am nächsten Morgen steht zumindest bei mir der Entschluss fest: Das wird mein Jahr! Seitdem sammle ich Schritte mit meinem Oura Ring, während ich mit einem Pyke Matcha mit Kokoswasser um die Alster laufe… oder zumindest spaziere. Schritte sind Schritte! Meine Morgenroutine erinnert an Patrick Bateman mit Zwangsneurose, Dry-Brushing und Gua Sha sei Dank. Ich kämpfe um die letzten Reformer-Pilates-Plätze bei HiCore, als hinge mein Leben davon ab, und verlege meinen Lunch demonstrativ von Tagliere e vino zu Klub Kitchen. Außerdem trage ich jetzt Alo-Yoga Sets in Farben wie Ivory oder Winter Frost, und habe akzeptiert, dass ich keine Disco Queen mehr bin, sondern eine Pink Pilates Princess – Neele ist jetzt ein Clean Girl! 

Selbstoptimierung, aber bitte mit Open Bar 

Zur Klarstellung: Ich bin kein völlig geläuterter Mensch. Ich verzichte nicht plötzlich auf alles, was Spaß macht, nur weil ein neues Jahr begonnen hat. Und ich bin ganz sicher auch nicht eine dieser Personen, die unter der Woche panisch kein Brot mit Gluten anfassen und sich dafür am Wochenende jede erdenkliche Substanz unter dem Schein des Microdosings durch die Nase ziehen. Diese Form der Doppelmoral überlasse ich anderen – gerne denen, die lieber im Silicon Valley als in Hamburg wären. Ich verbinde Selfcare ganz einfach mit Party. Das ist effizienter und ehrlicher. 

Ich gehe weiterhin aus, nur besser organisiert. Im Liquid Garden gibt es jetzt Matcha Martinis und ich weigere mich zu glauben, dass das kein Fortschritt ist! Naturwein fühlt sich ohnehin an wie die gesündeste Form des Kontrollverlusts: lebendig, fermentiert, voller guter Bakterien – wahrscheinlich dankt es mir mein Darm irgendwann. Und Tequila? Soll ja angeblich gut für den Stoffwechsel sein. Ich habe beschlossen, solchen Studien ab jetzt zu vertrauen. Beim Rauchen greift die ganze Clique zu IQOS mit Levia Sticks, ohne Tabak, ohne schlechtes Gewissen.  

Am nächsten Tag folgt dann die konsequente Gegenbewegung: Lymphdrainage, Infrarotmaske, ein paar sehr ausgewählte Nahrungsergänzungsmittel und einen Kollagen-Spirulina-Drink, Schadensbegrenzung mit Stil. Sollte sich allerdings herausstellen, dass die gesundheitlichen Vorteile von Tequila meinen Biorhythmus doch nicht nachhaltig überzeugen, wird pragmatisch reagiert: Uber, Joe & The Juice Notfallbestellung, danach eine Vitamininfusion bei DripDrip – man ist ja lösungsorientiert. Der Platz beim Pilates wird für die Girls auf der Warteliste freigegeben. Und wenn selbst das nichts mehr bringt, gibt es immer noch eine kleine Lachssperma-Auffrischung, der neueste Hautpflege-Trend nach Babybotox. Müdigkeit ist 2026 nur noch ein reines Styling-Problem! 

Was ich an all dem liebe: Niemand hier hat wirklich aufgehört exzessiv zu sein. Wir haben dem Exzess nur ein neues Narrativ gegeben. Balance statt Verzicht. Optimierung statt Eskalation. Hamburg bleibt sich treu – diszipliniert im Auftreten, hemmungslos im Inneren. Während einige Extremisten mittlerweile mit einem Detox-Kater kämpfen, spaziere ich morgens um die Alster, trinke abends meinen Naturwein und lache über die Idee, dass man für seinen Glow-up irgendetwas aufgeben müsste. Neues Jahr, gleiche Leber – und alles in perfekter Balance. 

Neele Suckert

Neele Suckert

Neele lebt in Hamburg, schreibt über Frauen, die sie mit scharfem Blick beobachtet, und über die Stadt, die sie ganz besonders liebt. Ihre bevorzugte Schreibumgebung: irgendwo zwischen Alsterblick und Aperitif.

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