„Ich möchte nicht, dass meine Mode im Vordergrund steht, sondern die Person“ 

Alina Klemm, 31, ist Modedesignerin – ein wahr gewordener Kindheitstraum. Sie zeigt uns ihren Laden, ihre Designs und warum ihr die Ideen nie ausgehen.


Es ist noch früh, die Geschäfte in der Innenstadt haben noch geschlossen. Auch die Läden in der Galleria-Passage bleiben noch vom vorweihnachtlichen Kaufrausch verschont. Dort treffe ich Alina Klemm in ihrem gleichnamigen Laden. „Es ist quasi wie mein zweites Zuhause, hier kennt man sich“, sagt sie. Und tatsächlich wirkt die Passage familiär. „Wenn ich eine ruhige Minute habe, lasse ich mir nebenan bei Adam&Eve die Nägel machen oder hole mir einen Tee im UZwei in der Kaisergalerie“. Der braune, fransige Pony fällt auf ihre Stirn, sie wirkt ruhig, gelassen, ihr Lächeln einladend. Wie eine Person, in deren kreativer Welt man nur zu gerne herumstöbern möchte.  

Als Alina ihre gläsernen Türen in der Passage öffnet, erwarten Modefans zeitloses Design, klassische Schnitte und bunte Accessoires. Alles aus hochwertigen Materialien. „Ich mache Mode für alle Generationen“, erklärt sie. Schon früh konnte die gebürtige Schleswig-Holsteinerin ihre Leidenschaft für Design entdecken. Ihr erstes Teil? Ein Abschlussballkleid für die Tanzschule der damals 15-jährigen Schülerin. „Am Ende des Abends ist es auseinandergefallen – hauptsächlich bestand es aus einem BH und ganz viel Tüll, aber ich wollte unbedingt etwas Besonderes“, erzählt sie lachend. In Alinas Kindheitsträumen zeigen sich ihre Facetten: „Es waren immer entweder Modedesign oder Geologie“. Sie entschied sich für den künstlerischen Weg. Doch ihre Begeisterung von Landschaften, Gesteinen und Natur begleitete sie auch auf ihrem heutigen Weg als Inspiration für neue Entwürfe. Schon in ihrem Modedesign-Studium verspürt Alina das Bedürfnis nach kreativer Freiheit. Nachdem die Corona-Pandemie ihr 2020 ihren Angestellten-Job kostet, wagt die damals 26-Jährige den Schritt in die Selbstständigkeit. 

„Vor allem meine Accessoires sind mein kreatives Ventil“, dabei hält sie die seidenen Tücher, Schals und Scrunchies in die Höhe – „alle sind nicht nur selbst entworfen, sondern auch hier selbst genäht“. Hinter der Kasse gibt ein aufgezogener Vorhang den Blick auf ein kleines Nähstudio frei. Dass ihre Inspiration sie hin und wieder mitten in der Nacht überrascht, weiß auch der langjährige Freund der Modemacherin. „Manchmal wache ich spät auf und muss direkt anfangen zu zeichnen. Zum Glück liegt das Skizzenbuch immer auf dem Nachttisch bereit“, schmunzelt sie. Nach dem Zeichnen auf Papier illustriert sie ihre Designs digital erneut. „So können die Dateien einfach für die Produktion verwendet werden“. Alinas Muster erzählen Geschichten von Orten, die ihr etwas bedeuten. Satte Töne, schwingende Formen und ein tiefes Blau? Ganz klar, ihre letzte romantische Reise zu zweit an die kanadische Küste. Sonnenähnliche Nuancen, viele kleine Details und ein Türkis wie das Mittelmeer? „Das war die Keramik, die mich im Sommer auf Mallorca inspiriert hat“, erklärt die Designerin Accessoires, die auch in Bilderrahmen die selbstgestrichenen grünen Wände des Ladens zieren.  

Slow-Fashion in einer schnelllebigen Welt 

Nicht nur hinter den Tüchern, sondern auch hinter ihren anderen Klamotten steckt ein sorgfältiger, liebevoller Prozess. Auf lokale Produktion in Norddeutschland legt Alina besonders großen Wert. „Trotzdem tue ich mich schwer mit dem Wort ‚Nachhaltigkeit‘. Heute wollen doch alle irgendwie nachhaltig sein, das nimmt dem Begriff seine Bedeutung“, meint sie. Die Designerin wird lieber konkret: „Zum Beispiel verwende ich Stoffreste gerne wieder für kleinere Teile“. Es wird klar, für was sich Alina in der Modewelt einsetzen möchte. „Mir geht es um die gegenseitige Wertschätzung. Ich schätze das Material, das Design und den gesamten Prozess. Genauso möchte ich auch, dass meine Kunden die Kleidung beim Tragen schätzen“. 

Bislang bringt Alina als Gründerin täglich eine wahre One-Woman-Show über die Bühne. Neben dem künstlerischen Prozess fallen Aufgaben wie die Produktionsaufsicht, die Buchhaltung, der Online-Shop und natürlich das Verkaufen im Laden voll und ganz in ihre Hände. „Ich bin eine Perfektionistin und habe einfach noch niemanden gefunden, der es genauso gut machen würde wie ich“, lacht sie. „Meine Arbeit lohnt sich mit jeder Kundin, die strahlend aus der Umkleidekabine kommt. Das ist einfach das größte Kompliment“.  

Und genau dann, wenn die Kundinnen ihren strahlenden Moment haben und lächelnd „Das ist es!“ sagen, weiß die junge Designerin, dass sie ihren richtigen Weg gewählt hat. „Zum Glück gehen mir die Ideen nicht aus. Allein hier in Hamburg werde ich ständig inspiriert “, erzählt Alina kurz vor Öffnungszeit des Geschäfts. Wer weiß, vielleicht schmückt bald ein von der Hansestadt inspiriertes Tuch die Wände des Ladens in der Galleria-Passage. „Ich würde mit vielen Blau- und Grautönen arbeiten und vielleicht mit einer abstrakten Form der Elbphilharmonie…“. Ich merke, wie sich schon das nächste Muster vor ihrem inneren Auge bildet. 

Matilda Kastien

Matilda Kastien

Obwohl Matilda gebürtig aus Hamburg kommt, wusste sie die Stadt nicht immer zu schätzen. Bei „Women of Hamburg“ kann sie ihre Leidenschaft fürs Schreiben mit ihrem Interesse an starken Frauen, emotionalen Geschichten und ihrem Sinn für Ästhetik kombinieren.

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