„Im Ballett kann man niemals genug sein, Perfektion gibt es nicht“ 

Ein Hund döst auf der Decke, Licht fällt durch hohe Fenster, und irgendwo dazwischen tanzt Anna Laudere schon in Gedanken weiter. Zwischen Papier, Musik und Erinnerungen zeigt die Erste Solistin des Hamburg Ballett, wie man ein Leben führt, das ganz und gar Kunst ist. 

Primaballerina Anna Laudere mit ihrem Hund Chaplin

Das Kostüm aus Die Kameliendame hängt noch unsichtbar in der Luft, strahlend und glitzernd, erst gestern Abend schwebte sie in den schönsten Kleidern als Marguerite Gautier über die Bühne der Hamburger Staatsoper. Jetzt sitzt Anna Laudere im Trainingsraum des Ballettzentrum Hamburg John Neumeier in Hamm, in lila Leggings, gestreiftem Shirt, zartrosa Aufwärmstiefeln, unaufgeregt und natürlich. Die eine Wand verspiegelt, das Licht breit und kühl, dahinter zeigt das Wandgemälde Orpheus mit den Tieren von Anita Rée Tiere und Formen, die den Raum zu einem Saal machen. Chaplin, ein sanfter King Cavalier Spaniel, liegt auf seiner Decke und rührt sich kaum. „Er ist der ideale Studiohund“, sagt die Ballerina, und ihre Stimme ist so ruhig und ausgeglichen, wie ihre Haltung aufrecht ist. Der Alltag einer Ersten Solistin, einer Primaballerina, ist weniger Routine, als viele vermuten: „Es gibt keinen klassischen Ablauf. Jeder Tag ist anders. Aber ich tanze immer, auch in meiner Freizeit.“ Nur vor ihrem morgendlichen Start ins Training braucht sie zwei Dinge: Kaffee und eine Zigarette. Ein Ritual ohne Romantik, aber mit Klarheit, wie die meisten ihrer Entscheidungen. 

Musik begleitet die geborene Lettin von morgens an. Heute lief Ce Monde von Lou Deleuze zum Aufstehen, eine Stimme, die sie seit Tagen nicht loslässt. „Ich habe schon als Kind getanzt und viel gezeichnet“, sagt sie, beinahe beiläufig. Die Kunst zieht sich durch ihre gesamte Biografie, ihr Vater ist Schmuckdesigner, ihre Mutter Malerin. Mit ihrem Vater besucht sie Ausstellungen, zuletzt Anders Zorn in der Hamburger Kunsthalle. „Die Ausstellung war so hell und schön. Mein Vater konnte mir viel dazu erklären.“ Ihre Eltern wollten sie damals erst auf eine Kunstschule schicken, etwas, dass ihr gut gelegen hätte. Ihre Liebe zur Kunst blieb das ganze Leben an ihrer Seite. Sie schreibt, wenn auch weniger als früher. Und sie zeichnet: abstrakt, nach Stimmung. Literatur gehört dazu. Im Moment liegt erneut Die Kameliendame von Alexandre Dumas auf ihrem Nachttisch, sie liest Geschichten gerne erneut, um jede Facette zu entdecken: „Wenn ich mehr über Marguerite erfahre, habe ich das Gefühl, sie nimmt mich mit.“ Sie selbst hätte sich jedoch für eine Karriere als Tierärztin entschieden, wenn es mit dem Ballett nicht funktioniert hätte. Seit nun 12 Jahren wird sie von Hunden begleitet, vor Chaplin war Zikzak an ihrer Seite.  

„Kunst inspiriert mich. Ich nehme viel davon mit in meine Arbeit.“ 

Schon seit 2001 ist sie am Hamburg Ballett, seit 2011 Erste Solistin. Rollen wie Anna Karenina berühren sie besonders. „Anna Karenina ist mir sehr nah, weil John sie für mich geschaffen hat.“ John, das ist der ehemalige, langjährige Ballettdirektor und Choreografie-Ikone John Neumeier, ist für sie über die Jahre der gemeinsamen Zusammenarbeit ein wichtiger, inspirierender Mentor gewesen. Sie spricht wertschätzend über die Beziehung zur Ballett-Koryphäe, von der sie vor der gemeinsamen Zusammenarbeit noch nie gehört hatte: „Er möchte keine Darstellung, sondern die Wahrheit in einem Charakter. Man muss in sich suchen, was von dieser Figur in einem steckt.“ Aber die technische Vollkommenheit im Tanz ist für die präzise, feingliedrige Ballerina nicht das einzig Wahre, viel mehr versucht sie tiefgehend in die Rolle einzudringen: „Im Ballett kann man niemals genug sein. Perfektion gibt es nicht.“ Ihrem jüngeren Ich würde sie daher raten auch mal sanfter zu sich selbst zu sein. 

Ihre Ruhe wirkt nie distanziert, eher beruhigend und erdend: „Ich bin sehr sensibel und fühle viele Energien. Das macht mich müde.“ Darum hält sie ihre Kreise klein. Zeit ist für sie kein beiläufiger Rohstoff, sie trainiert viel, auch sonntags. Wenn sie nicht tanzt, verbringt sie ihre Zeit mit Menschen, die ihr Halt geben, und mit Kunst, die ihr den Blick öffnet. In Hamburg ist sie besonders gerne am Wasser, an der Elbe in Blankenese, weil es dort so still sein kann. Im Sommer tanzt sie am Strand, wenn sie in ihrem Sommerhaus in Lettland neue Energie mit ihrem Ehemann Edvin Revazov sammelt. „Ich nehme meine Musik mit und tanze.“ Im Studio des Ballettzentrum Hamburg John Neumeier legt sie großen Wert darauf, neben den technischen Dingen auch die Verbindungen zwischen verschiedenen Schritten zu üben, deren Bedeutung oft unterschätzt wird. Nicht nur die großen Sprünge, die Drehungen, sondern auch das Dazwischen sind auf der Bühne Teil des Gesamtwerks. Jungen Tänzerinnen und Tänzern, die von einer großen Ballettkarriere träumen, gibt sie als Ratschlag mit auf den Weg immer hart zu arbeiten: „Aber findet dabei einen Weg, emotional nicht zu streng mit euch selbst zu sein“. Chaplin hebt kurz den Kopf, dann schläft er weiter, als sich Anna erhebt und zeigt, wie sie tanzt. Anna bewegt sich schwerelos, selbstbewusst, jede Geste präzise. Man merkt sofort: Vor einem steht eine Primaballerina, die ihre Kunst lebt, ohne sich darin zu verlieren.  

Neele Suckert

Neele Suckert

Neele lebt in Hamburg, schreibt über Frauen, die sie mit scharfem Blick beobachtet, und über die Stadt, die sie ganz besonders liebt. Ihre bevorzugte Schreibumgebung: irgendwo zwischen Alsterblick und Aperitif.

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