Ich mach jedes Weihnachten blau

Während andere auf dem Weihnachtsmarkt frieren, feiert unsere „Women of Hamburg“-Kolumnistin Neele Suckert im Zigarrenblau der Bar Bleu – zwischen Weißwein, Aschenbechern und Barkultur, die sie direkt in eine besinnliche Stimmung versetzt. 

Es gibt Orte in Hamburg, die versprechen Weihnachtsstimmung, und solche, die sie tatsächlich liefern. Das Alsterhaus gehört eindeutig zur ersten Kategorie. Ich betrete es jedes Jahr in der Hoffnung, dass mich zwischen Champagnerkübel und Decken aus ägyptischer Baumwolle der Geist der Weihnacht küsst – aber sobald ich an der Parfümabteilung vorbeikomme, riecht alles nach gesprengten Kreditrahmen. Auf den Rolltreppen schiebt sich eine Mischung aus Modestudentinnen in Totême-Mänteln und Berufsehefrauen mit Anita Hass Moon Boots nach oben, während im Hintergrund „Last Christmas“ läuft, als sei es die offizielle Nationalhymne der Hedonisten. Spätestens bei der Schaufensterdeko von Dior weiß selbst ich als Kapitalistin par excellence: Das hier ist nicht mehr mein Weihnachten! 

Daher mache ich mich in den Abendstunden zur zweiten Kategorie auf: Freunde, die elegant zu spät kommen, kalte Finger in Lederhandschuhen gehüllt, ein Glas in der Hand, das beschlägt. Also gehe ich zum Petit Noël, dem Weihnachtsmarkt bei den Stadthausbrücken. Zwischen den Innenhöfen funkeln Lichterketten, die mehr Stil haben als die meisten Dinnerpartys im Überseequartier. Man steht dicht gedrängt, nippt an Glühwein, redet über vorweihnachtliche Restaurantreservierungen oder führt eine recht ziellose Diskussion, ob man nun lieber in Lech oder St. Moritz überwintern sollte. Ich halte meinen Glühwein fest und versuche meine Finger aufzutauen. Es ist die Art von Trubel, die ich mag, solange man sich jederzeit diskret verabschieden kann. Irgendwann kommt dieser Moment zwischen mir und meiner besten Freundin und es wird uns zu kalt – ein Blick, ein Nicken und wir wissen: Zeit, weiterzuziehen. Wir verlassen also zielstrebig den Markt und gehen die paar Schritte zum Eingang des Tortue-Hotels, das praktischerweise direkt auf der Ecke liegt. Genauer gesagt: Wir gehen in die Bar Bleu

Die meisten Gäste wählen die Bar Noir, sie ist schließlich die Hauptbar des Hotels. Dabei ist die Bar Bleu der wahre Zufluchtsort – dort in dieser stillen Komplizenschaft aus Glas und Rauch. Sie ist der bessere Weihnachtsmarkt: ruhiger, wärmer und man hat einen Tischservice. Hier darf geraucht werden, was meine Freundin glücklich macht und mich nach dem zweiten Glas Weißburgunder ebenfalls. Der Barkeeper erkennt uns jedenfalls jedes Jahr wieder, schenkt wortlos ein Glas ein. Das ist die Sorte Gastfreundschaft, die man nicht erfragen muss – sie erkennt dich auf den ersten Blick. 

Die Bar riecht ganz fantastisch nach Zigarren, nach warmem Leder und einem Hauch Serge Lutens. Dunkelblaues Licht, schwere Vorhänge, gedämpfte Stimmen. Neben uns diskutiert ein Agenturchef über den Pitch irgendeiner Luxusuhrenmarke, am anderen Tisch feiert ein Fotograf seinen letzten Job in der Elbphilharmonie. Ich denke: Wenn Hamburg ein Weihnachtsmärchen wäre, dann würde es genau hier stattfinden, an einem kleinen Tische, leicht beschwipst, aber mit Manieren. Hier leuchtet keine Lichterkette mehr, sondern nur einige glimmende Zigarettenspitzen.  

Hier befindet man sich zwischen einer Mischung aus Arroganz und Aufrichtigkeit in den Gesprächen und zwischen kindlicher Wärme der Weihnachttage und einer weindurchtränkten Sicherheit. Wenn mich also jemand fragt, welcher Weihnachtsmarkt der empfehlenswerteste sei, sage ich, ohne zu zögern: Die Bar Bleu
Hier gibt es eine exzellente Gesellschaft, es ist schön warm, raucherfreundlich und das Stehen an der langen Glühweinstand-Schlange entfällt. Geht es noch besser? 

Neele Suckert

Neele Suckert

Neele lebt in Hamburg, schreibt über Frauen, die sie mit scharfem Blick beobachtet, und über die Stadt, die sie ganz besonders liebt. Ihre bevorzugte Schreibumgebung: irgendwo zwischen Alsterblick und Aperitif.

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