„Hamburgerinnen riechen nach Pfingstrose, Ozean, Tabak und auch nach Gurke“  

Dr. Claire Guillemin hat ihre Kindheit zwischen Brasilien, Afrika und Duty-Free-Parfümerien verbracht. Heute lebt sie mit ihrem Mann und Kindern in Hamburg und lädt in ihrem „Parfum-Atelier“ in Eppendorf dazu ein, die Sinne neu zu entdecken. Unter ihrer Anleitung entstehen 30mlParfums, die beispielsweise nach Rosen, Veilchen, Sandelholz oder Ozean duften


Dr. Claire Guillemin ist Gründerin vom „Parfum-Atelier“

Es ist Vormittag in Eppendorf, das Licht fällt weich durch das große Schaufenster ihres Ateliers, streicht sanft über die jadegrünen Wände und die kleinen, sorgfältig arrangierten Duftorgeln, Messzylinder und Formbögen für die Parfums stehen auf dem Tisch, daneben Gläser mit Limonade die nach Rosen, Veilchen oder Lavendel duften. Dr. Claire Guillemin reicht eines davon rüber, lächelt, der französische Akzent schwingt sanft in ihrer Stimme: „Sentir – das heißt riechen und fühlen – es ist dasselbe Wort auf Französisch. Und genau das möchte ich, dass die Menschen hier erleben.“ Die Limonade zubereitet aus Monin-Sirup und Sprudelwasser, ist fast ein Parfum im Glas, ein genüsslicher Einstieg in die Welt der Düfte, die Claire mit so viel Liebe zum Detail gestaltet. 

Ihre Leidenschaft für Parfum begann in der Kindheit, die sie in Brasilien und Afrika verbrachte. „In Brasilien war es so heiß, dass ich am liebsten meine Haut hätte ausziehen wollen“, erzählt sie, während sie eine Duftorgel arrangiert. Zwischen üppigen Blumen, deren Nektar Kolibris – Beija-flor, die Blumenküsser, wie sie in Brasilien heißen – trinken, lernte sie, Düfte bewusst wahrzunehmen. Auf langen Flügen sammelte sie kleine Parfums aus dem Duty-Free-Shop, frühe Sinneserfahrungen, die ihre heutige Arbeit prägen und eine lebenslange Liebe zur Parfumeur-Kunst erschuf. Afrika, weite Landschaften, Begegnungen mit Menschen und Tieren – all das schärfte ihre Wahrnehmung, die sie heute in Seminaren weitergibt, in denen Gäste eigene Düfte komponieren können und ihre ganz eigenen Erfahrungen zu Andenken in Geruchsform verwandeln. 

Vom Blumenküsser in Brasilien zum Atelier in Hamburg 

Claire bewegt sich mit einer feinen Eleganz durch ihr Atelier, die Hände wechseln zwischen Messzylinder und Duftorgeln, als dirigierte sie ein kleines Orchester der Sinne. Die braunen Augen leuchten neugierig, die Bluse mit Blumenmuster und die Lammfellweste wirken wie Teil eines sorgfältig kuratierten Ensembles. In ihrem Studio ist alles durchdacht, sie hat einen besonderen Blick für Ästhetik. „Viele Menschen haben verlernt, wirklich zu riechen. Dabei ist das so wichtig “, erklärt sie. Die Sinne, die nicht häufig genutzt werden, verkümmern. Opoponax ist ihr Lieblingsduft in der Orgel, süße Myrrhe, die sie an die Glasur von Keksen aus ihrer Kindheit erinnert. Sie hält das Glas zwischen den Fingern, schnuppert daran und lächelt: „Das ist wie ein kleines Stück zuhause.“ Jede Bewegung, jede Nuance, jede kleine Entscheidung beim Arrangieren der Duftorgeln ist bewusst, aber nie streng. Sie möchte, dass ihre Gäste die Düfte auf die gleiche bewusste Art fühlen wie sie selbst. Wer ihr Atelier betritt, erlebt Parfum nicht als Produkt, sondern als Erlebnis, als Spiel, als Erinnerung. Hamburg selbst, erklärt sie, hat etwas Ruhiges, Elegantes: „Die Menschen hier sind groß, elegant, sie haben ein feines Gespür für Ästhetik. Wenn Hamburgerinnen Düfte zusammenstellen, liebt sie Pfingstrosen, Ozean, Tabak – und Gurke. Die Gurkennote hat etwas Kühlendes, erinnert sie wahrscheinlich an die Abendbrot in der Kindheit.”

Dr. Claire Guillemin bringt Expertise und französische Heiterkeit zusammen. Der Doktortitel in Parfümrecht von der Bucerius Law School, ihre jahrelange Arbeit bei der IFRA und ihre Erfahrung in der internationalen Duft-Advocacy verleihen ihr eine gewisse Autorität für Düfte, die weit über ihr Interesse hinausgehen – man denkt sofort an Grasse, an Tradition, an französische Parfumkunst. Gleichzeitig vermittelt sie eine Leichtigkeit, die jeden Gast einlädt, selbst zu komponieren, zu riechen, zu fühlen. In ihrem Atelier wird Hamburg zur Bühne für eine sinnliche Entdeckung: Hier trifft Wissen auf Freude, Präzision auf Leichtigkeit, Kindheit auf Gegenwart, und alles beginnt mit einem Schnuppern. 

Neele Suckert

Neele Suckert

Neele lebt in Hamburg, schreibt über Frauen, die sie mit scharfem Blick beobachtet, und über die Stadt, die sie ganz besonders liebt. Ihre bevorzugte Schreibumgebung: irgendwo zwischen Alsterblick und Aperitif.

Empfohlene Artikel